Scharfe Kritik am 4-plus-1-Modell
Scharfe Kritik am 4-plus-1-Modell: VBE und Thomas Gaube werfen Landesregierung Kapitulation vor
Droht ein massiver Bildungsverlust an unseren Sekundarschulen? Der VBE Sachsen-Anhalt und Thomas Gaube, stellvertretender Landesvorsitzender des dbb Sachsen-Anhalt und Landesvorsitzender des Philologenverbandes, schlagen Alarm. Das von der Landesregierung geplante 4-plus-1-Modell sei keine pädagogische Innovation, sondern eine bildungspolitische Kapitulation vor dem Lehrkräftemangel. Warum vor dem Verlust von bis zu 760 Unterrichtsstunden gewarnt wird und welche vier konkreten Forderungen die Lehrergewerkschaften im dbb an die Politik stellen.
Magdeburg – Mit deutlichen Worten haben der VBE (Verband Bildung und Erziehung) und Thomas Gaube, stellvertretender Landesvorsitzender des dbb Sachsen-Anhalt, die Pläne der Landesregierung zum sogenannten 4-plus-1-Modell kritisiert. Die Lehrerverbände positionieren sich dazu unmissverständlich: „Aus Sicht des dbb lehnen wir die flächendeckende Einführung des 4-plus-1-Modells in nahezu allen allgemeinbildenden Schulformen der Sekundarstufe I ab.“ Für die Kritiker handelt es sich bei den Plänen nicht um eine pädagogische Innovation, sondern um eine bildungspolitische Kapitulation vor dem strukturellen Lehrkräftemangel, die zwangsläufig zu einer Absenkung des Bildungsniveaus führen wird.
„Systematisch organisierter Unterrichtsausfall“
Die Landesregierung begründe das Modell faktisch mit der angespannten Personalsituation. Bei einer Unterrichtsversorgung von lediglich 80 bis 85 Prozent werde ein ganzer Wochentag ohne regulären Unterricht als „Modell“ etikettiert. Dies verschleiere die reale Unterversorgung und sei in der Realität ein systematisch organisierter Unterrichtsausfall. Wenn ein Bundesland nach Jahren des Hinweises auf Schulpflicht und Präsenzunterricht nun selbst dauerhaft einen Tag pro Woche streiche, sei dies eine bildungspolitische Bankrotterklärung. Kritiker hätten das Modell bereits als Kapitulation vor dem Istzustand im Bildungssystem bezeichnet.
Der VBE rechnet vor: Das 4-plus-1-Modell bedeute für die Klassenstufen 7 bis 10 bei vier Schuljahren und ca. 38 Schulwochen pro Jahr einen „unterrichtsfreien“ Tag pro Woche mit im Schnitt etwa fünf Unterrichtsstunden pro Tag. Damit entfallen rechnerisch rund 760 Unterrichtsstunden regulären Präsenzunterrichts pro Schülerin bzw. Schüler in der Sekundarstufe I. Diese Größenordnung entspreche in etwa einem kompletten Schuljahr in mehreren Kernfächern zusammen.
Diese drastische Reduktion werde sich zwangsläufig in einer Absenkung des fachlichen Niveaus, der Allgemeinbildung sowie der Studier- bzw. Ausbildungsreife niederschlagen. Zudem werde die soziale Selektion reproduziert: Weniger schulisch strukturierte Lernzeit treffe vor allem Kinder und Jugendliche, die zu Hause nicht auf stabile Lernumgebungen, Unterstützung oder digitale Ausstattung zurückgreifen können. Die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie hätten gezeigt, dass reduzierte Präsenzzeiten Bildungsungleichheiten verstärken, und ein dauerhafter Ausfalltag reproduziere diese Effekte.
Praxispartner überfordert, Konzept unklar
Scharfe Kritik üben die Lehrerverbände an der unklaren inhaltlichen Ausgestaltung des „unterrichtsfreien“ Tages. In der Regierungserklärung sei lediglich von Überlegungen die Rede, Formen des praxisorientierten Lernens zu etablieren. Ohne verbindliche Curricula, klare Kompetenzziele, Qualitätsstandards, Aufsichtspflichten und verlässliche Evaluation drohe dieser Tag zu einem pädagogisch entkernten „Lückenfüller“ zu werden.
Die Idee, wöchentlich ganze Jahrgänge in Betriebe, Einrichtungen oder außerschulische Lernorte zu schicken, ignoriere zudem die Realität der Arbeitswelt. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung seien viele Unternehmen personell und organisatorisch gar nicht in der Lage, eine wöchentliche „Schülerschwemme“ zu bewältigen. Praxisphasen seien sinnvoll, wenn sie punktuell, gut vorbereitet und eng begleitet stattfinden, aber eine wöchentliche Pflichtstruktur überfordere viele Partner und senke die Qualität der Angebote. Auch rechtliche Fragen zur Verantwortung, Aufsichtspflicht und zum Umgang mit Ausfällen blieben ungeklärt, was zu Flickenteppichen und faktischen „Freitagen“ führe, an denen Lernzeit endgültig verloren gehe.
Aus pädagogischer Sicht zerschneide ein dauerhaft unterrichtsfreier Wochentag wichtige Lernprozesse und erschwere die Planung von Reihen und Projekten. Gerade in Mathematik, Fremdsprachen und den naturwissenschaftlichen Fächern seien regelmäßige und zeitnahe Übungsphasen unverzichtbar. Auch reine „Selbstlernzeiten“ seien kein Ersatz für Unterricht. Studien und Pandemie-Erfahrungen zeigten, dass reine Selbstlernphasen ohne enge Begleitung durch Lehrkräfte bei vielen Schülerinnen und Schülern zu Motivationsverlust, Überforderung oder Unterforderung führen.
Darüber hinaus seien Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf, Sprachförderbedarf oder besonderen Begabungen auf verlässliche Strukturen und multiprofessionelle Teams angewiesen, die sich nicht auf externe Praxispartner auslagern ließen. Auch Ganztagskonzepte und Schulsozialarbeit würden durch den Ausfalltag geschwächt. Ein wöchentlicher Tag ohne regulären Unterricht verlagere zudem Verantwortung und Organisation auf die Familien, was besonders für Alleinerziehende, Schichtarbeitende und Familien im ländlichen Raum eine erhebliche Belastung darstelle.
Die zentralen Forderungen
Im Namen des Lehrerkoordinierungsrates des dbb sachsen-anhalt stellt Thomas Gaube vier klare Forderungen an die Landesregierung:
- Verzicht auf die flächendeckende Einführung des 4-plus-1-Modells: Ein Modell, das auf strukturellem Unterrichtsausfall basiere, dürfe nicht zur neuen Normalität werden.
- Konsequente Bekämpfung des Lehrkräftemangels: Dazu gehörten attraktive Arbeitsbedingungen, Entlastung von Bürokratie, bessere Besoldung, verlässliche Vertretungssysteme und eine vorausschauende Ausbildungs- und Einstellungspolitik.
- Stärkung von Unterrichtsqualität statt Reduktion von Unterrichtszeit: Praxisorientierung und Projekte sollten gezielt, curricular eingebunden und qualitativ gesichert stattfinden – zusätzlich, nicht anstelle von Unterricht.
- Transparente Bildungsplanung und ehrliche Kommunikation: Die Bevölkerung habe Anspruch auf Klarheit, denn ein struktureller Ausfall von rund 760 Unterrichtsstunden sei kein „Modell“, sondern eine massive Kürzung von Bildungszeit.
Wie Thomas Gaube abschließend betont, erkenne man die Herausforderungen des Lehrkräftemangels und die Bedeutung praxisorientierter Lernformen ausdrücklich an. Dennoch sei ein Modell, das dauerhaft einen Tag pro Woche regulären Unterricht streicht, der falsche Weg. Es schwäche die Schulen, senke das Bildungsniveau, verschärfe soziale Ungleichheiten und überfordere außerschulische Partner. Der VBE Sachsen-Anhalt und die weiteren Lehrerverbände sprechen sich daher geschlossen gegen das Modell aus und erwarten eine Bildungspolitik, die den Unterricht stärkt, anstatt ihn abzubauen.
